Zweimal 8 Stunden Seminar 

Virginia, unsere Mentorin, wirkt auf den ersten Blick sehr harsch und streng, aber trotzdem nennt sie uns liebevoll ihre “niños” (Kinder) und will, denke ich, nur das Beste für uns.Virginia hat aber ein Auge auf uns, denn die Straßen zu überqueren ist immer wieder ein Abenteuer. Hier in Quito gilt anscheinend, wer zuerst hupt, hat Vorfahrt.

Schneller, schneller!!!” – diese Worte begleiten uns Freiwillige, wenn wir jeden Morgen aus der Fundación zum Seminarraum etwa 500 Meter laufen. Dabei geht es vorbei an Kiosken, einem Fußballplatz und einer großen Skaterbahn.

Vorgestern (2.9.) und gestern (3.9.) haben wir jeweils 8 Stunden in dem kleinen Bungalow verbracht, wo wir mit Seminaren zu Lebensgewohnheiten, Lehrmethoden, Redewendungen usw. unterrichtet wurden. Es ist relativ anstrengend, so lange ein Spanisch – Englisch – Mix zu verstehen und ich fühle mich wie zu meinen besten Zeiten als Schüler, wenn man dann einfach abschaltet und über die Blätter am Baum draußen auf der Straße nachdenkt.

Ich habe das Gefühl, dass wir jungen Deutschen seitens der Ecuadorianer mit vielerlei negativen Vorurteilen behaftet sind. Da wird uns ein paarmal gesagt, dass wir beim Essen das Handy nicht benutzen dürfen, oder wir fragen müssen, wenn wir unsere Familie aus Deutschland zu Besuch haben wollen. Als ich dann provokant fragte, ob es denn wenigstens erlaubt sei, die Füße auf den Tisch zu legen, bekam ich nur vorwurfsvolle Blicke.

Gestern war eine deutsche Frau im Seminar, die seit ungefähr 30 Jahren in Ecuador lebt. Sie erzählte uns viel über gängige Sitten in der Familie; dass wir vorsichtig sein sollen, wie wir etwas sagen. Ein Schwerpunkt lag auch darauf, dass wir aufpassen müssen, wie nonverbale Kommunikation aufgefasst wird. Deutsche werden in Ecuador als “engstirnig, pragmatisch und quadratisch-denkend” gesehen. Meine Bemerkung darauf, dass ich ja dann mit meinen Rittersport-Schokoladentafeln als Mitbringsel vollkommen richtig liege, wurde dann zum Glück mit Schmunzeln entgegen genommen.

Auch wurde uns gesagt, dass in der Politik wohl relativ viel falsch läuft. Der Staat sei hoch verschuldet, bekäme die Wirtschaft nicht in den Griff. Es näme diktatorische Züge an, wenn der Präsident seine Amtszeit auf Lebenszeit verlängern wolle. Er könne nahezu jedes Gesetz nach seinem Willen durchbringen, wogegen viele protestierten. Quito sei der Hotspot der Unruhen.

Ich schreibe hier die Infos und Eindrücke nieder, die ich bekomme und wie ich das wahrnehme. Es kann gut sein, dass ich im Laufe des Jahres andere Erfahrungen mache. Noch hatte ich, außer vielleicht zu 3-4 Leuten, keinen intensiven Kontakt zu Ecuadorianern.

Zurück zum Thema: Außerdem wurde beschlossen, dass Waren, die importiert werden, mit 75% mehr Steuer belastet werden, damit einheimische Produkte gekauft werden. Jetzt kann ich mir auch zusammenreimen, warum das Duschgel so teuer war (ca. 5€). Dafür gibt es aber keine ecuadorianische Entsprechung. Ich sehe mich schon den Großteil meines Taschengeldes für Kosmetik ausgeben, wie Teenies in Deutschland. Ja, ich weiß gar nicht, wie mein Geld dann noch für Lippenstift und Lidschatten reichen soll. Ich erwarte also Care-Pakete! Danke! 😀

Am Ende des Tages wurden uns dann noch die Schulferien und Feiertage mitgeteilt und Informationen zu den Gastfamilien. Joaaah… Gastfamilie hab ich erstmal nicht. Der Mann der Familie, wo ich hingekommen wäre, sei sehr streng und wolle keinen zweiten Mann im Haus haben, der Konkurrenz sein könnte. Ja, richtig gehört, ich musste auch erst einmal tief schlucken.

Also weiß derzeit noch niemand, wo ich ab nächster Woche wohnen werde. Ist ein komisches Gefühl, muss ich zugeben.

Hoffentlich zaubert Virginia noch eine passende Familie aus dem Hut … 😉 😀

  

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